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Es steht vieles in den Startlöchern
Thementag-GemuendenGemünden. „Das Potenzial ist da – es kann sich einiges entwickeln!“,
Referentin Christine Wilholm zeigte sich beeindruckend vom geballten Interesse der unterfränkischen Vereine am Kanusport für Menschen mit Behinderung. Aber – so betonte sie – sie wäre auch zum ersten Thementag ‚Menschen mit Handicap und Kanusport’ des Kanu-Bezirks Unterfranken gekommen, wenn sich nur ein einziger Verein und eine einzige Einrichtung angemeldet hätten.

So waren insgesamt 15 Teilnehmer voll und ganz bei der Sache – aus den unterfränkischen Vereinen, aber auch von zwei Förderschulen, dem Leo-Weismantel-Förderzentrum in Gemünden und dem Blindeninstitut in Würzburg. Mit Bezirksrat Johannes Sitter war sogar die Politik anwesend. Er hörte äußerst interessiert zu, beteiligte sich an den Diskussionen und sicherte seine Unterstützung zu. In den Pausen entspannen sich rege Gespräche, in denen eifrig Kontakte geknüpft wurden.

Es fehlen die Angebote

Die Bezirksvorsitzende Isa Winter-Brand hatte mit Christine Wilholm, Referentin Kanu-Behindertensport im Bayerischen Kanu-Verband eingeladen, die hier aus ihrer eigenen Erfahrung als Kanusportlerin und Lehrerin an einer Förderschule berichtete: „Kajak fahren mit Behinderung geht – aber es fehlen die Angebote“, lautete ihr Fazit. Das soll sich in Unterfranken jetzt grundlegend ändern.

Die WSG Kleinheubach, der TV Lohr und der KSC Gemünden haben bereits junge Kanusportler mit Handicap in ihren Verein und ihren Sport integriert. Die TGW Heidingsfeld steht schon in Kontakt zur Blindenschule, und auch der WWC Gemünden bekundete Interesse. Lohr hat mit einem Förderzentrum bereits eine Kooperation nach dem Vorbild ‚Sport nach 1’ verabredet. Der KSC Gemünden beabsichtigt eine intensivere Zusammenarbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung auf integrativer Ebene. Mit drei Übungsleitern war Unterfranken auch beim Lizenzverlängerungs-Lehrgang ‚Behindertensport’ im März 2011 gut vertreten. Die Weichen sind also gestellt.

Der Unterschied ist weg

Jetzt bot die Referentin noch ein bisschen Grundwissen an. Special Olympics, Weltmeisterschaften im Kanurennsport-Behindertenbereich (Paracanoeing) und Paralympics (ab 2016) mögen zwar gewisse Ziele sein, aber der Anfang muss im Breitensport gemacht werden. Neben dem Naturerlebnis spielen beim Menschen mit Handicap vor allem die Selbsterfahrung und Selbstverwirklichung eine große Rolle. „Beim Paddeln braucht man keinen Rollstuhl mehr“, erklärte Wilholm, „da ist der Unterschied zum Menschen/Kanuten ohne Behinderung weg.“

Eine große Rolle spielt hingegen das Sportgerät: das Boot. Bei der ersten offiziellen Weltmeisterschaft im Kanurennsport 2010 wurden neben dem Va’a (Canadier mit Ausleger) vor allem der relativ kippstabile Nelo Viper gepaddelt – bei Bedarf mit einem oder zwei Auslegern zusätzlich stabilisiert. Das ist auch für den Freizeitbereich interessant, um die Gefahr einer Kenterung zu minimieren.

Lehrgang mit Nebeneffekt

Schickte der Deutsche Kanu-Verband im letzten Jahr noch Paddler zur Weltmeisterschaft, die erst im Frühjahr mit dem Training begonnen hatten, so wird sich diese Situation jetzt grundlegend ändern. Der erste Schritt im Bayerischen Kanu-Verband (BKV) war bereits ein Lehrgang im Juli 2010 – gemeinsam mit dem Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband Bayern (BVS) – auf der Olympiaregattastrecke Oberschleißheim.

Hier wurden erste Erfahrungen gesammelt – auch von den beteiligten Sportlern, Übungsleitern und Betreuern. Ein Nebeneffekt dieses Lehrgangs: Im Landesleistungszentrum Oberschleißheim werden jetzt erste bauliche Veränderungen durchgeführt, um das Gebäude noch behindertengerechter zu gestalten.

Wettbewerb für Kanusportler mit Behinderung

Der zweite Schritt im BKV hatte im März 2011 die Übungsleiter-Fortbildung ‚Behindertensport’ in Haus Unterjoch zum Inhalt. Auch sie fand mit der Unterstützung des BVS Bayern statt, dessen Fachleute gemeinsam mit dem BKV-Ressort Aus- und Fortbildung ein Zusatzmodul ‚Behindertensport’ für die künftigen Übungsleiter-Ausbildungen im BKV erarbeiten werden.

Beide Verbände bildeten zusammen mit dem Landes-Kanuverband Württemberg und Vertretern des Deutschen Kanu-Verbandes eine Arbeitsgruppe, die für 2011 bereits ein Programm für Menschen mit Handicap im Kanusport erarbeitet hat (siehe kanu-kurier Nr. 1/2011, Seite 9). Neben einem weiteren Lehrgang ‚Kanu-Behindertensport’ Ende Juli in Oberschleißheim und den ersten Deutschen Meisterschaften, die im Rahmen der DM Kanurennsport im September – ebenfalls in Oberschleißheim – ausgetragen werden, richtet der KSC Gemünden am 24./25. September 2011 einen ersten Wettbewerb für Kanusportler mit Behinderung aus.

Über eine Kooperation

Die Planungen dazu sind bereits angelaufen. Es werden behindertengerechte Übernachtungen angeboten, ein behindertengerechtes WC wird auf dem Vereinsgelände des KSC aufgestellt werden, und auch der Bootssteg wird den neuen Bedürfnissen entsprechend umgebaut. Bei diesen Wettkämpfen werden keine Rennkajaks verwendet, sondern alle Boote sind aus dem Freizeitbereich und werden gestellt: Einer-, Zweier- und Vierer-Kajaks oder Vierer-Canadier. Die Wettbewerbe sind zusätzlich als Unified-Rennen ausgeschrieben, d. h. hier sitzen Menschen ohne und mit Behinderung im gleichen Boot.

Integration wird groß geschrieben und ist auch mit ein Ziel der Arbeit mit Menschen mit Handicap in den Vereinen. Es ist besser, wenn zumindest am Anfang erst mal alles überschaubar bleibt, war die einhellige Vorstellung in der Diskussion. Über eine Kooperation mit einer örtlichen Behindertensportgruppe oder –einrichtung kann sich dann irgendwann eine Behindertensportgruppe im Verein etablieren.

Das Potenzial ist da

Trotzdem muss der Einstieg gefunden werden, und das kann sehr gut über Schnupperangebote, z. B. bei einem Projekttag mit Schulen, erfolgen. Bei ‚Sport nach 1’ sind die Schüler über den Schulsport versichert, und auch die Kosten für die Übungsleiter werden übernommen. Der Etat für Sportgerät fiel im letzten Jahr allerdings dem Rotstift zum Opfer. Zur Zeit können keine neuen Anträge angenommen werden. Der Kanubezirk Unterfranken wird eine Spendenaktion starten, um die Initiativen in den Vereinen und Einrichtungen zu unterstützen.

Bei einer Kooperation mit Förderschulen ist es – anders als sonst – auch möglich, nur mit zwei oder drei Schülern zu arbeiten. Dabei können sich auch mehrere Schulen zusammenschließen, erklärte die Referentin.

Das Potenzial ist da – das Interesse auch. Jetzt ist es an den Vereinen, daraus etwas zu entwickeln.

 

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Geschrieben von: Ref Handicap am Montag, den 09. Mai 2011 um 13:18 Uhr