Licht und Schatten bei den Kajak-Spezialisten

Augsburg. „Hände auf die Bande“, hallte der Schlachtruf der Sprecher über den Eiskanal. Das unglaublich vielköpfige Publikum gehorchte, schlug auf die Banden ein, ließ sie dröhnen und vibrieren. So feuerten die Menschenmasse die Protagonisten der Weltmeisterschaften im Kanuslalom bei den Finalläufen an. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg.

Elena Lilik (Kanu Schwaben Augsburg) gewann die Bronzemedaille, die Wahl-Augsburgerin Ricarda Funk wurde Weltmeisterin. Hannes Aigner (AKV) schied im Halbfinale aus – ihm bleibt der Titel „Weltmeister der Herzen“.

Was für ein Sommermärchen! Mit dem Sieg vor heimischem Publikum holte Olympiasiegerin Funk nach 2021 im tschechischen Bratislava erneut den Weltmeistertitel. „Die Zuschauer waren unglaublich. Sie haben schon angefangen zu jubeln, da war ich noch gar nicht gestartet“, sagte die 30-Jährige.

Dabei war es teilweise schwierig für die Deutschen, sich bei den vielen Fans mit gutem Zureden und Autogrammwünschen auf ihren Wettkampf zu konzentrieren. „Aber am Ende haben sie uns beflügelt. Sie haben uns mit runtergetragen“, sagte Funk. Klar war, dass sie ihre Halbfinalzeit toppen musste, denn die Australierin Jessica Fox hatte diese bereits unterboten und führte bis zum Start von Funk, die als Halbfinalschnellste zuletzt startete.

„Ich hatte sowas am Start gehört. Aber ich dachte dann, das ist mir egal, ich konzentriere mich auf meinen Lauf.“ Zwischenzeitlich und auch noch beim Zieleinlauf war nicht sicher, ob vielleicht noch zwei Strafsekunden wegen einer Torstabberührung auf die Endzeit addiert werden. Angezeigt an der Tafel wurde das durch ein Sternchen. Aber davon ließ sich die Deutsche nicht beeindrucken. „Das hatte ich gar nicht mitgekriegt“, sagte sie lachend und außerdem, so ergänzte sie, „war ich mir sicher, dass ich save war.“

Mit einem Jubelschrei nach der Ziellinie konnte es Elena Lilik kaum fassen. Hinter Fox eingereiht, wusste sie: Es war auf jeden Fall eine Medaille, denn mit Teamkollegin Funk stand nur noch eine Paddlerin am Start. Doch eigentlich, so erzählte sie, „wollte ich das Finale einfach nur genießen. Hier bei dieser Stimmung, das ist so viel mehr wert. Aber jetzt mit der Medaille, die nehme ich natürlich gerne und ich freue mich, dass die deutsche Hymne auch irgendwie für mich gespielt wird.“

Die ersten Interviews konnte die 23-Jährige vor Freudentränen gar nicht führen, sie brachte kaum einen Ton heraus. Auf der Strecke schien es zunächst nicht optimal zu laufen, eine Torstabberührung kostete die Augsburgerin wichtige zwei Sekunden. Doch im unteren Abschnitt gab sie noch einmal richtig Gas, wobei die Zuschauer sie den Eiskanal regelrecht hinunterpeitschten.

Aigner und Hengst verpassen WM-Finallauf

Der Halbfinallauf der Kajak-Herren lief aus deutscher Sicht nicht wie gewünscht. Der Olympia-Dritte von Tokio, Hannes Aigner, verpasste als Halbfinal-14. ebenso das Finalfeld der besten Zehn wie Teamkollegen Stefan Hengst vom KR Hamm auf Rang 17.

Aigner kam zwar ohne Torstabberührung durch den Stangenparcours, doch ab dem zweiten Drittel lief es nicht rund, er verlor Zehntel um Zehntel. „Es war eine anspruchsvolle Strecke. Und da waren ein paar Ecken bei mir drin. Grundsätzlich war es kein schlechter Lauf, reichte aber nicht, um unter den besten Zehn dabei zu sein.“ Auch wenn es dazu nicht gereicht hat, verkroch sich der Augsburger nicht, sondern stellte sich seinen vielen kleinen und großen Fans. Foto um Foto ließ er geduldig über sich ergehen – quasi als „Weltmeister der Herzen“.

Damit fand das Kajak-Herren-Finale heute ohne deutsche Beteiligung statt. Gold, Silber und Bronze gingen an Vit Prindis (Tschechien), Giovanni de Gennaro (Italien) und Boris Neveu (Frankreich).

Kajak-Bundestrainer Thomas Apel resümierte: „Hut ab vor der Leistung der Mädels! Man hat die Spannung und den Druck auf der Heimstrecke gemerkt. Wie sie das geleistet haben, das war à la bonheur.“

Zu dem Ausscheider der Männer sagte er: „Ich kann ihnen keinen richtigen Vorwurf machen. Das Geschäft in der internationalen Spitze ist sehr hart. Man hat gesehen, wie eng die ersten zehn Finalplätze weggegangen sind. Man muss das Risiko gehen.“ Die Strecke selbst, so sagte er, sei super ausgehängt, „aber man darf sich nichts erlauben. Man muss das Risiko gehen, aber auch unter Kontrolle halten.“ So könne es ganz schnell passieren, einen Torstab zu berühren. „Das ist natürlich schade für die beiden, denn sie haben gezeigt, dass sie mithalten können. Aber in dem Weltklassefeld war es heute leider zu wenig.“

Uta Büttner/Redaktion
Foto Ricarda Funk: Thomas Funk / andere Fotos: Uschi Zimmermann

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