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Übungsleiter-Fortbildung "Behindertensport"
"Wir wollen kein Mitleid, sondern Anerkennung!" Stargast Frank Höfle, 13-facher Paralympicssieger im Ski-Langlauf, brachte bei der Übungsleiter-Fortbildung "Behindertensport" im Haus Unterjoch im Allgäu die Aufgabe und den Erfolg der Arbeit mit Menschen mit Behinderung im Sport auf den Punkt: "Denken Sie bitte nicht: Oh, dieser arme Tropf - der braucht jemanden, der sich um ihn kümmert."
Die Arbeit mit Menschen mit Behinderung gäbe sehr viel zurück, wusste er. "Wer offen ist, kann unheimlich viel lernen. Das Entscheidende ist: etwas GEMEINSAM tun - nicht hier Behinderte, da Nichtbehinderte." So hatte er auch seinen lebendigen Vortrag unter das Motto "Aufgeben gibt es nicht" gestellt. Obwohl sehr stark sehbehindert, genießt Höfle seit 2003 seine Urlaube im Kajak und hat dabei die Erfahrung gemacht: Überall sonst muss er auf einen Partner Rücksicht nehmen und sich diesem anpassen, nur im Kajak kann er so richtig Vollgas geben.
Herantasten, hinterfragen, darauf eingehen
"Es war die beste Übungsleiter-Fortbildung überhaupt", lautete das Fazit von Manfred Wolf, der in der WSG Kleinheubach bereits seit Längerem einen Jungen mit Handicap betreut. Mut, den Kanusport verstärkt für Menschen mit Behinderung zu öffnen, machten auch die vier Probanden, die die ÜL-Fortbildung des Bayerischen Kanu-Verbandes (BKV) bereicherten. Trotz ihrer durch Unfall erworbenen Behinderung (inkomplette Querschnittslähmung, Querschnittslähmung, Unterschenkelamputation) bzw. der bereits von Geburt an vorhandenen Spastik ließen sie sich nicht entmutigen.
Teils waren sie schon vor ihrem Unfall Wildwassercracks, andere trauten sich erst später oder jetzt zum ersten Mal ins Boot. Sie lehrten die 13 Teilnehmer, dass man Menschen mit Behinderung nicht gleich behandeln kann, sondern sich an das ganz spezifische Handicap herantasten, es erfragen und hinterfragen und dann individuell darauf eingehen muss.
Gelebte Inklusion
Körperliche Handicaps wurden zwar bei den praktischen Übungen im großen Schwimmbecken berücksichtigt, aber nie als etwas Störendes wahrgenommen. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit brachte aber auch in null Komma nichts gelebte Inklusion.
Erste Berührungsängste hatten schon die durchgereichten Prothesen und Orthesen, mitgebracht und erklärt von Orthopädiemechaniker Jan Ellmauer, genommen. Seine fachliche Beratung erstreckte sich auch auf den behindertengerechten Eingang zum Bootshaus, z. B. mit Hilfe einer Rollstuhlrampe.
Kooperation angestrebt
Der Referent hatte auch ein paar Rollstühle dabei und ließ die Teilnehmer darin erleben, wie ausgeliefert sich ein Rollifahrer beim Überwinden von Treppen mit Hilfestellung fühlt und wie geschickt er andererseits damit umgehen und z. B. Rollstuhl-Basketball spielen kann.
Das Sport- und Freizeitzentrum Haus Unterjoch, ein Haus des Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbandes Bayern (BVS), erwies sich für diese praktischen Übungen mit Schwimmbad und Turnhalle – selbstverständlich alles barrierefrei ausgestattet – als perfekt geeignet. Die angestrebte Kooperation zwischen BKV und BVS wurde u. a. mit Bruno Seidl, Trainer Kanuslalom und Abteilungsleiter Kanusport im BVS, auch bei dieser Fortbildung mit Leben erfüllt.
Zusatzmodul für ÜL-Ausbildung
Seidl stellte die erste Maßnahme im Kanusport von Seiten des BVS Bayern auf der Soca sowie das von ihm geplante Integrative Kanuzentrum Augsburg vor.
Ein Konzept für den Kanusport mit Menschen mit Handicap im BKV hatte die BKV-Referentin Behindertensport, Christine Wilholm, ausgearbeitet. Neben dem Jahresprogramm mit Wanderfahrten, Wettbewerben und Schulungen (siehe kanu-kurier Nr. 1/2011) soll auch die Zusammenarbeit mit Einrichtungen angegangen werden.
Ferner ist geplant, in Zusammenarbeit mit dem BVS Bayern ein Zusatzmodul ‚Behindertensport‘ für die Ausbildung zum Fachübungsleiter Kanusport im BKV zu entwickeln. Christine Wilholm bot ihre Bereitschaft zur Beratung von Bezirken, Vereinen und Sportlern mit Handicap an.
Wechselwirkung von Temperaturen
Von seiner Arbeit mit der Landesblindenschule berichtete BKV-Übungsleiter Robert Platzer auch anhand eines Films. Die Lehrgangsteilnehmer staunten nicht schlecht, wie unbefangen und voller Vertrauen sich die blinden Kids im Kajak bewegten und selbst im Schwimmbad die Entfernungen zum Beckenrand abschätzen konnten.
„Was passiert bei einer Kenterung in kaltem Wasser?“ Robert Platzer stellte die große Frage und half bei deren Beantwortung. Insbesondere bei einer Spastik kann die plötzliche Wechselwirkung von unterschiedlichen Temperaturen einen Spasmus auslösen. Deshalb ist so wichtig, das Krankheitsbild und die dazugehörigen Reaktionen so genau zu erfragen.
Paracanoeing paralympisch
Generell gilt jedoch: Auch Menschen mit Handicap bietet der Kanusport ein erfülltes Leben in der Gemeinschaft und neuen Raum für Selbsterfahrung und Selbstverwirklichung.
2016 in Rio wird Paracanoeing (Kanurennsport) erstmals ins paralympische Programm aufgenommen. Spätestens dann wird der Kanusport für Menschen mit Behinderung auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Aber: Müssen wir so lange damit warten, bis wir etwas dafür tun?
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