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Fahrtenleiter-Lehrgang, Teil I
Bamberg (uz). Das erste Wochenende des Fahrtenleiter-Lehrgangs im Bayerischen Kanu-Verband (BKV) gilt traditionell der Planung und Organisation von Fahrten und dem Umweltgedanken – also weitestgehend der Theorie.
Gewürzt mit ungezählten Beispielen aus der Praxis und 60 Jahren Paddelerfahrung von Lehrgangsleiter Peter Fichtner (nein, er ist deswegen noch lange nicht 100 Jahre alt …) wurde daraus ein spielerisches Lernen, das die 15 Teilnehmer sehr schnell zur berühmten Kanu-Familie zusammenschweißte.
Die Ko-Referenten Kathi Mikschl und Rudi Seitz stellten die Gruppe vor manches geologische Rätsel und erreichten neben einer Sensibilisierung in Richtung umweltgerechtem Kanusport, dass jetzt unter Garantie jeder ein Blesshuhn von einer Stockente unterscheiden und die Schwarzerle schon fast am Geruch erkennen kann. Neben visuellen Lehrmethoden wie PowerPoint und erstmals (!) einem gedruckten und gebundenen Skript, kam in der Praxis wiederum das Drachenboot das BFC Bamberg zum Einsatz.
Theoretisch
„Der Fahrtenleiter muss wissen, wo die nächste Kneipe ist, der Übungsleiter muss wissen, wo das nächste Kehrwasser ist“, fasste Peter Fichtner den Unterschied zwischen der Ausbildung zum Fahrten- und zum Übungsleiter kurz zusammen. Deshalb werden sich auch die wenigsten Fahrtenleiter die Abstürze im Ötztal herunter katapultieren lassen, sondern sie organisieren die Wanderfahrten. Und darin übten sie sich einige Male – zumindest theoretisch.
Da ist einmal die richtige Ausrüstung, auf die auch der Fahrtenleiter im Verein ein wachsames Auge haben sollte. Deshalb stand gleich der erste Abend unter dem Thema „Materialkunde“. Mit Fichtners Aufforderung, sich dabei vorzustellen, dass man ein junges, hübsches Mädchen mit Neo & Co. anzieht, hatte der Referent gleich die Herren in der Runde auf seiner Seite.
Ernsthafte Zweifel
Die Planung und Durchführung von Wanderfahrten stand zweimal auf dem Programm: zuerst sachlich von der Ausschreibung, der Planung, dem Bootstransport und praktischen Einweisungen zur Bootsrettung mit und ohne Bergesystem (auf dem Rasen vor dem Bootshaus …), und schließlich das Ganze noch einmal mit der Unterstützung der jungen Kathi Mikschl unter Umweltaspekten.
Was die Teilnehmer in Gruppen dazu erarbeiteten, muss nicht unbedingt reine Theorie bleiben. Wenn auch Martina Schmidt, als Ressortleiterin für Aus- und Fortbildung im BKV für diesen Lehrgang auf übergeordneter Ebene zuständig, ernsthaft anzweifelte, dass Mitglieder des BFC Bamberg die Strecke von Ebenheid nach Bamberg jemals in einer Zweitages-Fahrt bewältigen würden: „Die baddeln doch immer gleich durch!“
Bio-Strohhut
Egal, ob Obermain, Altmühl, Mecklenburgische Seenplatte (hier sollen die Boote vom Kanuverleih angemietet werden) oder Berounka in Tschechien – jedes Team legte Wert auf Zeltplatz, Recycling, Fahrten möglichst mit dem Zug (auch mit den Booten), Einkauf von Nahrungsmitteln regional und saisonal.
Zwar klangen Vorschläge wie ‚am Morgen Brennesseltee auf dem Solarkocher‘, ‚Kartoffeln am Lagerfeuer mit Quark, mit selbst gesuchten Kräutern gewürzt‘ oder ‚Körperpflege im See‘ bis hin zum Sonnenschutz durch ‚Bio-Strohhut‘ und ‚Kurbelladegerät fürs Handy‘ auf den ersten Blick recht utopisch – einmal hinterfragt, ließen sie aber das Abenteuer-Gefühl beim Kanusport wieder aufleben.
Referentin Kathi Mikschl setzte alles wieder in Relation zu einer lebbaren Realität und hatte noch ein paar Tipps für Zuschüsse parat, z. B. beim WWF. Neben pädagogischen Ratschlägen ließen sich in der Diskussion auch realisierbare Kompromisse finden, z. B. die Gruppe fährt mit dem Wochenend-Ticket, ein Auto mit Hänger übernimmt den Bootstransport. So können viele kleine Schritte in Richtung Umweltverträglichkeit zu einem großen Ganzen beitragen.
Fachleute einspannen
„Umweltschutz kann man nicht lernen. Entweder man hat’s drauf oder nicht“, mit solchen Sätzen und einer ganzen Reihe Fachbegriffen aus der Geologie und Kartenkunde schockte Lehrteams-Mitglied Rudi Seitz erst einmal die Lehrgangs-Teilnehmer.
Über die Geologie wanderten seine Informationen zum Boden – vom Boden zu den Pflanzen. „Ihr braucht nicht das ganze Fachwissen mit euch rumzuschleppen oder gar auswendig zu lernen“, relativierte er schnell wieder. „Dafür gibt es genügend Fachleute, die man mal einspannen kann, wenn man sie braucht. Es reicht, wenn Ihr mal davon gehört habt …“
Spritztour
Rudi Seitz wollte „nur die Augen öffnen“, aber er rüttelte in der ihm eigenen authentischen Art auch wach und hielt immer wieder den Spiegel vor. Dabei weckte er die Neugier, sich selbst Informationen zu besorgen, z. B. warum wo was wächst und wie sich das bei Wanderfahrten in der eigenen Heimat oder weiter entfernt auswirkt. Der ‚abgespeckte Öko-Check‘ stimmte ein auf die Spritztour (im wahrsten Sinne des Wortes) mit dem Drachenboot zur BFC-Insel. Kathi Mikschl an der Trommel (‚umweltfreundlich‘ ohne Trommel führte zu Paddelsalat …) und Rudi Seitz am Paddel machten immer wieder auf Flora und Fauna aufmerksam.
Keiner der Teilnehmer wird voraussichtlich künftig mehr an den Weiden in ihren vielfältigen Formen oder an Schwarzerlen vorbeipaddeln, ohne dabei gleich an ‚Abrutschen ins Wasser‘ oder ‚Ufersicherung‘ etc. zu denken oder ohne von Blesshuhn, Stockente, Bachstelze, Krähe und Schwalbe Notiz zu nehmen.
Fragile Lebensräume
Das beliebte ‚Blindekuh-Spiel‘ auf der BFC-Insel mit ‚irgendwie‘ verbundenen Augen zeigte sehr deutlich, wie sensibel nicht nur die nackten Fußsohlen reagieren, sondern auch, wie empfindsam der Boden beschaffen ist, über den immer noch viele Paddler unachtsam ihre Boote schleifen. „Wir sind Vorbilder“, betonte Seitz denn auch immer wieder – nicht nur im eigenen Verein, sondern ebenso draußen für andere Paddler. Deshalb ist es auch so wichtig, dass sich zumindest die Übungs- und Fahrtenleiter ein wenig in den für den Kanusport wichtigen Gesetzen und Verordnungen auskennen (z. B. Naturschutz-Verordnung, Wasserrecht, Betretungsrecht, Befahrungsbeschränkungen …).
Die Konkurrenz-Situation an den Gewässern durch Fischer, Jäger, Naturschützer ist groß und Interessenskonflikte sind vorprogrammiert. Rudi Seitz wurde nicht müde, die angehenden Fahrtenleiter dafür zu sensibilisieren: „Wir paddeln durch fragile Lebensräume – aber wir können das hoch erhobenen Hauptes tun, wenn wir uns richtig verhalten!“
Ungünstige Praktiken
126.000 Gewässerläufe mit einer Gesamtlänge von 98.000 km fließen durch Bayern, wusste der Referent. Sedimentation, Erosion in Hinterläufen, Mittelläufen und Vorderläufen: Seitz regte vehement zum Nachdenken und zum Hinterfragen an – auch des eigenen Verhaltens beim Paddeln, nicht nur wenn es um den ‚Klippenstart‘ geht.
Wer darf was, und wer ist verantwortlich? Nachdenken und Hinterfragen war auch das Motto bei dem gar nicht trockenen Thema ‚Jugendschutzgesetz‘. Die Gesetzgebung um den Bootstransport mit seinen Bestimmungen für die Kennzeichnung überstehender Ladung sorgte gelegentlich für Staunen und verständnisloses Kopfschütteln. Peter Fichtner machte gekonnt auf „versicherungstechnisch ungünstige Praktiken“ aufmerksam, sorgte aber auch für leichtes Staunen: „Die Aufprallwucht eines 20 kg schweren Bootes beträgt 800 kg!“
Und wer hatte schon gewusst, dass der Großschifffahrtsverkehr nicht nur mit Verkehrszeichen geregelt wird, sondern dass selbst bei der gut geplanten ‚Weinfahrt‘ die 0,5 Promille-Grenze auf den deutschen Schifffahrtsstraßen gilt?
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