R(h)ein subjektiv betrachtet

Die Himmelfahrts-Fahrten gehören einfach zum Standardrepertoire des ambitionierten Freizeitpaddlers: Jedes Jahr geht es unter der bewährten Führung von Bernd Sachs und seinem Team an Übungsleitern, Motivations- und VerpflegungsmeisterInnen an den Bach, um vier Tage lang die Paddelkünste auf Saisonniveau zu heben. Das ist mittlerweile objektiv so bekannt, dass man darüber nicht mehr viel sagen muss. Zeit also für eine rein subjektive Betrachtung der Dinge!

             Grund- und Aufbauschulung für Erwachsene am Vorderrhein     

Die Rheinschlucht – Ruinaulta – zwischen Ilanz und Versam, Sehnsuchtsort vieler Paddler: zahlreiche Schwälle, traumhafte Landschaft, ein idealer Einstieg in das Paddlerjahr 2018. Noch dazu ein Campingplatz mit einem wunderbaren Ausblick, und sogar das Wetter spielte so gut mit, wie es Anfang Mai in den Schweizer Bergen nur möglich ist. Dazu zwei himmlische Menüs aus der Sachsschen Gourmetküche (Danke, Carola!). Eigentlich ist mein Bericht damit schon fertig. Wetter, Wasser, Verpflegung, alles top. Wie, der Artikel soll mindestens eine Seite füllen? Na dann. Es folgen die Details. Ihr habt es so gewollt!

                    Ein Schwall für alle Fälle

Das erste Detail: Paddeln hat mehr mit Statistik zu tun, als man denkt. Vor allem, wenn es um die Selbsteinschätzung der Teilnehmer geht: Von den rund 40 Paddlern aus ganz Bayern (und weit darüber hinaus) sortierten sich am ersten Tag gefühlt 20 in der Kategorie „F1“ ein – also „so mittelgut, nicht ganz schlecht, eigentlich ganz ok“ –, sodass sich am Ende fast schon eine Art Gaußsche Normalverteilung ergab. Fast, weil die „Leistungsgruppen“ F2 und F3 im Vergleich zu den Anfängergruppen doch eher unterbesetzt waren. Sollten da die Horrorgeschichten vom schwarzen Loch ihre Wirkung gezeigt haben? Aber wie jedes Jahr wurde die Selbstwahrnehmung in einigen Fällen durch die Übungsleiter nachkorrigiert – sodass am Ende alle in der (absolut objektiv) richtigen Gruppe landeten. Am ersten Tag machte das noch keinen großen Unterschied, denn dann ging es auf die vergleichsweise einfache Strecke zwischen Versam und Reichenau – 4 Stunden „lockeres Einpaddeln“ mit dem einen oder anderen anspruchsvollen Manöver und den einen oder anderen schon ganz tüchtigen Schwällen, bei denen jeder auf seine Kosten kam und sich die Teilnehmer schon mal auf den Flusscharakter einstellen konnten. Ja, der Rhein ist auch schon im Oberlauf ein ganz schön großer Fluss, was an der einen oder anderen Stelle für große Augen und eine nasse Nase sorgte. Und so gab es am Donnerstag Abend reichlich Geschichten zu erzählen, bei leckerer Pasta mit vielen Sößchen und dem einen oder anderen isotonischen Kaltgetränk. Was für ein Einstieg! So hätte es weitergehen können – wenn, ja wenn dann nicht die Übungsleiter der Leistungsgruppen einen putzigen Einfall gehabt hätten...

                    Wenn man es mal selber macht

Freitag morgen, 9:30 Uhr. Da war der Spaß dann vorbei. „Also, F2 und F3 mal herhören, ihr organisiert jetzt die Fahrt heute. Zwei Strecken stehen zur Auswahl, Compadials bis Trun oder Ilanz bis Versam, sucht Euch was aus, klärt das mit dem Umsetzen.“ – und wir legen uns noch 'ne halbe Stunde hin, dachten sich die Übungsleiter wohl. Ein bis fünf Schrecksekunden später hatte das Schärflein Teilnehmer dann seine Kinnladen wieder eingesammelt und suchte hektisch online und offline, mit Paddelführern und persönlichen Erfahrungen angereichert, nach Informationen zu Pegeln und Strecken, um sich dann für das Teilstück zwischen Ilanz und Versam zu entscheiden. Noch kurz Paddler, Boote und Autos gezählt und verteilt, dann präsentierten die Teilnehmer die Planung dem Gremium der Übungsleiter, die das teils leicht schmunzelnd abnickten: „Alles klar, los geht’s.“ Zwischendrin hatte wohl so mancher noch kurz ein mulmiges Gefühl, ob das alles so klappen würde, aber tatsächlich standen dann alle Autos, Paddler und Fahrer da, wo sie auch hingehörten. Na also, ist doch gar nicht so schwer, sowas zu organisieren … puh. Also dann, rauf auf den Bach! Hier zeigte sich der Vorderrhein schon abschnittsweise von einer deutlich wuchtigeren Seite mit teilweise kräftigen Schwällen und einigen beeindruckenden Wellen. Dabei zeigte sich, dass Paddeln dann auch so seine Eigenheiten hat – knapp vorbei ist eben nicht daneben, sondern getroffen: Wer eine hohe Welle nicht gut genug umfährt, muss dann halt schauen, wie er oder sie durch kommt – Rolle inklusive. Objektiv alles machbar, aber subjektiv betrachtet ist es schon beeindruckend, wenn sich der Creeker des Vorfahrers auf einmal 2 Meter über einem befindet! Je nach Naturell waren dann die Teilnehmer entweder völlig euphorisiert oder etwas eingeschüchtert, als sich die Gruppen dem „schwarzen Loch“ näherten, der Schwallstrecke mit dem eindrucksvollem Namen: Eine kleine Walze am Beginn, tüchtig Wellen und dann links eine Prallwand – kein Problem, alles auf der rechten Linie problemlos zu meistern. Nur bei einer Teilnehmerin war die Lust am Fliegen kleiner als die Angst vorm Fallen – aber bequemer als über die Kiesbank rechts lässt sich wohl kaum eine Schlüsselstelle umtragen.

[An dieser Stelle auf ausdrücklichen Wunsch die Gegendarstellung der Übungsleiter: „Ne, oder?! Die umträgt das jetzt nicht wirklich? Ich glaub' das nicht … das kann die doch ganz easy fahren! Echt jetzt? Oh mei.“ <Augenrollen>]

Danach ging es noch munter aber entspannt weiter, und so trafen sich alle Abends zu „grill and chill“ auf dem Campingplatz, wo die übrigen Gruppen auch das ihre zum Spinnen von Paddlergarn und der Erlebnispädagogik am Fluss in Form des Hinterrheins und seiner Schwierigkeiten beitragen konnten.

                    Ich hasse Menschen, Tiere, Pflanzen – Steine sind ok

Der Samstag brachte dann für alle eine ganz neue Challenge – die Gruppen, die sich am Vortag noch am Hinterrhein versucht hatten, nahmen ihrerseits Ilanz bis Versam in Angriff, während es für die anderen Teilnehmer wieder auf den Vorderrhein, aber trotzdem auf eine ganz andere Art von Fluss ging – statt Schwällen und Wellen warteten zwischen Compadials und Trun Steine satt auf die Paddler. Beim Einstieg gab es daher nochmal ein paar Hinweise zur richtigen Technik, dann ging es ans Curven, Splatten, Boofen – einfach spitze, fand eine Teilnehmerin, die andere fand dann große Wellen doch besser. Tja, so sind die Geschmäcker eben verschieden! Während die einen bei Big Water eher Big Bammel kriegen und finden, nur Steine sind die wahren Freunde des Paddlers, gibt es für andere nichts besseres, als zwischen Wellenberg und Wellental den freien Fall zu üben und ein Zero-G-Erlebnis an das nächste zu reihen. Gut, wenn dann ein Fluss für jeden was bieten kann! Apropos bieten: natürlich kam auch die Bildung nicht zu kurz. Wie plane ich eine Fahrt? Dieses Thema wurde mit einem Vortrag beleuchtet (und diskutiert) – von der richtigen Dramaturgie über die richtige Gruppenzusammenstellung bis hin zu der Frage, was man mit Teilnehmern macht, die schon beim Einstieg einfach nur in einem „super Zustand“ sind. Keine Diskussion gab es dann beim Essen: Reste vernichten war angesagt, und von allem so reichlich, dass der Magen dann behaglich spannte. Super Zustand!

                    Hilfe! Oder: Wie rette ich nicht nur mich, sondern auch andere

Der letzte Tag stand ganz im Zeichen des Miteinanders – und zwar in Form von Sicherheits- und Rettungsübungen. Wie war das nochmal mit der stabilen Seitenlage, wo ist bei einem Seilzug der Fixpunkt, und was mache ich, wenn jemand im Fluss schwimmt? Hochkonzentriert wurden Wurfsäcke geworfen und gestopft, Schwimmer geborgen, Knoten geübt – alles eben, was man hoffentlich nicht allzu oft braucht, dann aber sicher parat haben sollte. Neben der richtigen Wurftechnik ist dabei auch die richtige Kommunikation wichtig – und üben, üben, üben. Auch zu Hause, im Verein, beim Kaffeekränzchen! Werden wir. Versprochen.

Dann war es auch schon wieder vorbei mit der objektiv wie subjektiv besten Himmelfahrts-Fahrt 2018 – und vor der Rückkehr auf den Campingplatz warfen viele noch einen letzten wehmütigen Blick in die Schlucht und auf den Bach.... es war einfach „g'scheid schee“, sagt die Sektion Mittelfranken, r(h)ein subjektiv vertreten durch

Kerstin Purucker

Kleine Ergänzung durch Bernd:

Es war das 10. Jahr das wir (Bernd und Carola) WW Kurse organisieren. Danke auch an das ganze Team, das immer mit Eifer dabei ist hier einen guten Kurs durchzuführen. Ohne ein so gutes Team (vertreten durch Susi, Gustl, Hans-Dietrich, Peter, Hansi, Jörg, Jockel etc) das mit viel Witz und Humor den Kurs begleitet, wäre es nicht zu machen.

Insgesamt waren 33 Teilnehmer aus fast allen Bezirken vertreten.

Bernd Sachs

PS: Speicherort und Zugangsdaten für gaanz viele Fotos ist den Teilnehmern bekannt oder bei Bernd zu erfragen.

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