100 Teilnehmer demonstrieren für freifließende Salzach
Der Bau eines Wasserkraftwerks im Tittmoninger Becken
durch das österreichische Energieunternehmen Verbund scheint derzeit in weiter Ferne. Aber das Vorhaben ist noch nicht vom Tisch und könnte irgendwann plötzlich akut werden. Grund genug für die Veranstalter, am Ball zu bleiben und den Widerstand aufrecht zu erhalten. Um das Thema im Bewusstsein der Bevölkerung zu halten, findet seit nunmehr 13 Jahren die Salzachkundgebung statt. Ausrichter ist der Bayerische Kanu-Verband als Teil eines Bündnisses aus verschiedenen Umweltschutz-Organisationen, der „Aktionsgemeinschaft Lebensraum Salzach (ALS)“.
Damit die Teilnehmer auch hautnah erleben konnten, wofür sie demonstrieren, begann der Tag mit einer Plättenfahrt von der Anlegestelle in Tittmoning. In Begleitung einiger Kanuten setzte sie sich in Richtung Burghausen in Bewegung. Abgesichert und eskortiert wurde die schwimmende Demo von der Wasserwacht Burghausen und der Feuerwehr Hochburg/Ach.
Mit der Plätte von Tittmoning nach Burghausen
Die musikalische Begrüßung zur Kundgebung in Burghausen
übernahm die Trommelgruppe „Impuls“, drei Songs spielte die „Kiesbankband“. Bürgermeister Florian Schneider klärte in seinem Grußwort einen scheinbaren Widerspruch auf: Wie könne er es in seiner Funktion wagen, die Schirmherrschaft für eine solche Veranstaltung zu übernehmen? Wo doch Burghausen seinen Wohlstand der chemischen Industrie zu verdanken habe, die wiederum viel Energie benötige. Wie könne man da gegen ein CO2-neutrales Wasserkraftwerk sein? Auch Schneider tritt für eine klimaneutrale Stromerzeugung ein, aber im Fall des Salzach-Kraftwerks „machen wir sehr viel kaputt und gewinnen wenig“. Bei Windrädern liege der Fall anders; für die gebe es geeignete Standorte, wo sie kein Unheil anrichten können.
Die stellvertretende Landrätin Monika Pfriender räumte ein, dass die Industrie unbedingt „Strom zu bezahlbaren Preisen“ brauche. So befürworte der Landkreis prinzipiell auch die Wasserkraft. „Aber nur dort, wo es Sinn macht.“ Das wäre beispielsweise am Inn, wo die bestehenden Kraftwerke noch optimiert werden können, um mehr Ertrag zu liefern. Eine Staustufe an der Salzach bringe vergleichsweise wenig Leistung.
Erster Referent war Prof. Dr. Stefan Schmutz von der Universität für
Bodenkultur in Wien; er ist ausgewiesener Fischökologe. Als solcher weiß er, dass viele Arten nur in Fließgewässern gedeihen können. So sei die Salzach eine der wichtigsten Zukunftsstrecken für die Wiederbesiedlung mit Huchen. Es mache auch keinen Sinn, auf Wasserkraft zu setzen, zumal 95 Prozent des Potenzials in Bayern bereits ausgebaut seien. Wasser sollte man eher für Speicherseen verwenden. Deshalb sein Appell: „Keine Energiewende auf Kosten des Artenschutzes!“
Dem Wasser neue Räume verschaffen
Georg Hermannsdorfer, Verfasser eines Praxishandbuchs für naturnahe Bauweisen, arbeitet seit 30 Jahren im Wasserwirtschaftsamt Traunstein und begleitet dort die Renaturierung von begradigten Gewässern. Mit Maßnahmen wie der Errichtung von Fischtreppen könne man schon einiges bewirken, sagte er. Wichtig sei auch, die befestigten Ufer wieder aufzureißen, um dem Wasser neue Räume zu verschaffen. Sechs von über 200 Flusskilometern in seinem Amtsbereich wurden bereits so behandelt. Weitere drei Kilometer an der Salzach wären möglich. Doch alles, was darüber hinaus geht, sei wegen des notwendigen Grunderwerbs äußerst problematisch.
Dr. Jakob Wagner, Mitbegründer und Sprecher der ALS, sieht im
Uferrückbau eine „erfreuliche Entwicklung“. Praktiker müssten darüber noch besser informiert werden. Im Anschluss würdigte Dr. Jutta Müller-Derlich, Vizepräsidentin des Bayerischen Kanu-Verbands, Fraundorfer für die langjährige Organisation und überreichte ihr die Verdienstnadel in Gold.
Fraundorfer selbst sorgte dann für eine literarische Einlage, indem sie der Salzach eine Stimme verlieh. So schilderte der Fluss seine Situation, Sorgen und Hoffnungen. Untermalt wurde das Ganze durch eine Präsentation von geschminkten Kindern, die ein symbolisches Flussband durch die Reihen trugen.
Podiumsdiskussion der Kraftwerkgegner
Nun kam es zu einer Neuerung der Kundgebung, einer Podiumsdiskussion, die das Thema „Zukunft der Salzach“ vertiefen sollte. Die Moderation übernahm Dr. Georg Bayerle vom BR, diskutiert haben Bürgermeister Schneider, Prof. Dr. Schmutz, Georg Hermannsdorfer, Bund-Naturschutz-Landesvorsitzender Richard Mergner, Dr. Jakob Wagner, Dr. Stefan Schmidt, Ressortleiter Umwelt und Gewässer beim Bayerischen Kanu-Verband, und Sabine Pröls vom Landesbund für Vogelschutz.
Da es sich hier nur um Kraftwerksgegner handelte, übernahm Bayerle mit provokanten Fragen die Rolle der Gegenseite. Schneider konnte bestätigen, dass die Fluss-Renaturierung im Volk positiv wahrgenommen werde. Mergner forderte ein Umdenken bei der Industrie und glaubwürdige Politiker, die den Mut haben, unangenehme Dinge auszusprechen. Außerdem dürfe man die Bürger nicht verängstigen, wenn ein strittiges Projekt ansteht. Durch gute Information und das Aufzeigen von Alternativen hole man sie mit ins Boot.
Prof. Schmutz sieht auch in der freifließenden Salzach keine natürliche Flusslandschaft. Es gebe dort multiple Belastungen und nur wenige Fischarten. Demnach sei noch viel zu tun. Er hält es für durchaus möglich, Flüsse in Nationalparks zu verwandeln. In der Zuhörer-Fragerunde wurde auch das Thema Hochwasserschutz diskutiert. Hier tue sich aus der Renaturierung der Ufer eine Win-Win-Situation auf.
Abschließend wollte der Moderator wissen, wie es sein wird, wenn man sich im Jahr 2030 zur Kundgebung trifft: Alle Podiums-Teilnehmer glauben, dass die Salzach dann immer noch unverbaut ist. Vielleicht gelinge es bis dahin sogar, den Fluss für die Menschen noch erlebbarer zu machen.
Text mit freundlicher Erlaubnis: Franz Gilg, pnp.de
Fotos: Georg Heß, Werner Götz, Stefan Schmidt



